literabel.de

Das Webportal literabel.de stößt ein Fenster zur belarussischen Gegenwartsliteratur auf. Artur Klinaŭ, Valžyna Mort, Alhierd Bacharevič, Viktar Marcinovi haben in jüngerer Zeit drei unverbrauchte belarussische Stimmen ins Deutsche gefunden. Der weiße Fleck Belarus hat Farbe bekommen. Wer den Blick hinter die graue Fassade der „letzten Diktatur Europas“ wagt, kann eine schillernde Literaturszene entdecken.

literabel.de macht diese Szene sichtbar. AutorInnen und Werke werden vorgestellt, deutsche Übersetzungsproben und Nachdichtungen geben Schriftstellern eine hierzulande verständliche Stimme. Ergänzende Kritiken, Interviews, Hintergrundinformationen und Verweise sorgen für den nötigen Kontext.

literabel.de beschränkt sich bewusst auf die belarussischsprachige Literatur. So kann das Portal ein klares Profil entwickeln und überschaubar bleiben. Die deutschen ÜbersetzerInnen aus dem Belarussischen werden als kompetente Literatur- und Kulturmittler sichtbar. Sie garantieren für ein fundiertes Informations- und Kontaktangebot für Medien, Verlage und Leser und tragen so dazu bei, das oftmals vage Belarusbild zu schärfen.

literabel.de ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins probabel e.V., der sich der Vermittlung belarussischer Literatur und Kultur im deutschen Sprachraum verschrieben hat, Projektpartner sind die belarussischen Verlage Halijafy und Łohvinaŭ.

Das Projekt wurde im Rahmen des Kontaktprogramms Belarus, eines Förderprogramms der Robert Bosch Stiftung (durchgeführt von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde) sowie von der deutsch-belarussischen Gesellschaft gefördert. Zum Launch der Website gab es am 24. März 2011 eine Lesung in der Literaturwerkstatt Berlin.

literabel.de ist Mitherausgeber des von Artur Klinaŭ komponierten Bandes PARTISANEN. Kultur_Macht_Belarus, der 2014 in der edition.fotoTAPETA erschien.

Außerdem vermittelte literabel.de die Übernahme der Belarus-Bibliothek des 2013 verstorbenen Übersetzers Norbert Randow durch die Leipziger Universitätsbibliothek Albertina.

Belarussische Literatur

Wer sich über das Deutsche der belarussischen Literatur zu nähern versucht, bekommt schnell die Grenzen aufgezeigt. Die Zahl der übersetzten Bücher ist beschämend gering, worauf nicht zuletzt Martin Pollack in seiner Dankrede anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur europäischen Verständigung 2011 hinwies. Noch dazu wurde bei Übersetzungen häufig, etwa bei Vasil Bykaŭ (1924-2003), der Umweg über das Russische gewählt. Klassiker der belarussischen Literatur sind höchstens mit ausgewählten Texten in Anthologien zu finden, so in Störche über den Sümpfen (Volk und Welt 1971) und Die junge Eiche (Reclam 1987), beide herausgegeben von Norbert Randow.

Von Norbert Randow, einem Slawisten und Übersetzer, der sich wie kein zweiter in Deutschland um die belarussische Literatur verdient gemacht hat, stammt auch ein Überblicksartikel über die belarussische Literatur von ihren Anfängen bis ins ausgehende 20. Jahrhundert: „Verschollen, vergessen, verboten. Achthundert Jahre belarussische Literatur“ (In: Osteuropa, 2/2004, S. 158-175). Darin stellt er ernüchtert fest, dass es hierzulande neben Bykaŭ allenfalls Swetlana Alexijewitsch (1948) mit ihren in russischer Sprache verfassten dokumentarischen Aufzeichnungen und der Lyriker Aleś Razanaŭ (1947) zu Bekanntheit gebracht haben.

In den letzten Jahren sind aber auch jüngere belarussische Stimmen auf Deutsch hörbar geworden: Bei Suhrkamp erschien 2006 Minsk. Sonnenstadt der Träume von Artur Klinaŭ (1965), aus dem Russischen übersetzt von Volker Weichsel. Die Zeitschrift „die horen“ widmete sich in Ausgabe 4/2007 der belarussischen Lyrik, auch bei lyrikline sind zahlreiche belarussische Lyriker zu hören und zu lesen.

2009 folgte wiederum in der edition suhrkamp der Band Tränenfabrik mit Gedichten von Valžyna Mort (1981), 2013 ebenda Kreuzwort  in Nachdichtungen von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf. Die erste deutsche Romanübersetzung aus dem Belarussischen liegt nach annähernd dreißig Jahren seit 2010 im Leipziger Literaturverlag vor: Die Elster auf dem Galgen von Alhierd Bacharevič (1975), übersetzt von Thomas Weiler. Seit 2013 ist im Suhrkamp Verlag Valancin Akudovičs (1950) fundamentaler Essay Der Abwesenheitscode. Versuch, Weißrussland zu verstehen erhältlich, 2014 erschien im Eröffnungsprogramm des Guggolz Verlags der belarussische Klassiker Zwei Seelen von Maxim Harezki (1893-1938) in der Übersetzung von Norbert Randow, sowie Gundula und Wladimir Tschepego.

Auf literabel.de kann die belarussische Gegenwartsliteratur nun weiter erlesen werden. Als Lektürehilfe mag ein Wort aus Martin Pollacks bereits erwähnter Rede dienen: „Bei aller Empörung über Gewalt und Willkür in Belarus dürfen wir uns nicht anmaßen, die Werke belarussischer Autoren so zu lesen, als handle es sich um politische Manifeste. Die Literatur entsteht in einer wesentlich von der Politik beeinflussten Atmosphäre, vor allem in Ländern wie Belarus, das heißt jedoch nicht, dass wir sie auf politische Inhalte und Bedeutungen reduzieren dürften. Das literarische Wort muss seine Autonomie behalten.“

Eine ausführliche Bibliographie von Übersetzungen belarussischer Literatur ins Deutsche findet sich hier.

Belarussische Sprache

Belarussisch ist nicht etwa ein russischer Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache. Wie Russisch und Ukrainisch zählt sie zur Gruppe der ostslawischen Sprachen. In Belarus wird heute überwiegend Russisch gesprochen, offizielle Amtssprachen sind Russisch und Belarussisch.

Neben dem verbreiteten kyrillischen Alphabet existiert auch ein lateinisches, die Łacinka. Außerdem konkurrieren verschiedene orthografische Systeme miteinander.

Neben Belarussisch sind im Deutschen auch noch die Bezeichnungen Belorussisch, Weißrussisch oder Weißruthenisch anzutreffen. Belorussisch ist politisch nicht (mehr) korrekt und daher zu vermeiden, gleiches gilt für die Landesbezeichnung Belorus oder gar Belorussland. Im Verzeichnis der Staatennamen für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland des Auswärtigen Amtes ist neben der Republik Belarus als Adjektiv belarussisch aufgeführt, die Staatsangehörigen heißen Belarussen.

Im Vorwort zu seiner Anthologie "Die junge Eiche" (Reclam Leipzig) konstatierte Herausgeber Norbert Randow 1987: "Es klingt fast unglaublich: Zur Sprache eines europäischen Achtmillionenvolkes, dessen Republik Gründungsmitglied der Organisation der Vereinten Nationen ist, gab es und gibt es bis heute im Deutschen weder ein Lehrbuch, noch eine Grammatik, ja nicht einmal ein Wörterbuch."

Fünfundzwanzig Jahre später sieht es nicht mehr ganz so finster aus. Claudia Hurtig hat 2003 bei Sagner ihre Belarussische Grammatik in Tabellen und Übungen veröffentlicht, im selben Jahr erschien am Insitut für Slawistik der Uni Jena ein mehrbändiger Deutsch-weißrussischer Sprachführer von Anna Basova. Svetlana Tesch und Taccjana Ramza legten 2011 an der Uni Oldenburg den Intensivkurs Weißrussisch in 20 Lektionen vor. Und ein umfangreiches Belarussisch-deutsches Wörterbuch, das ein Autorenteam um Mikałaj Kurjanka 2010 im Minsker Verlag Zmicier Kołas vorgelegt hat, konnte endlich auch die Wörterbuchlücke schließen.

Ausführliche Informationen zum Belarussischen finden sich in einer fundierten Einführung von Hienadź Cychun für das Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens, Klagenfurt 2002.

Transkription und Transliteration von Eigennamen

Üblicherweise wird Belarussisch mit Buchstaben des kyrillischen Alphabets geschrieben. Sollen belarussische Namen mit lateinischen Buchstaben wiedergegeben werden, stellt sich die Frage nach der Transkription bzw. Transliteration.

Bei literabel.de wird konsequent die Łacinka verwendet, das lateinische belarussische Alphabet. Es existiert bereits seit mehreren Jahrhunderten parallel zum kyrillischen System, wurde jedoch im Zuge der Sowjetisierung systematisch zurückgedrängt.

Der Autor Зміцер Вішнёў beispielsweise heißt bei uns Zmicier Višnioŭ. Nach der im Bibliothekswesen üblichen wissenschaftlichen Transliteration würde er Zmicer Višnëŭ geschrieben, nach der von Duden empfohlenen Transkription Smizer Wischnjou. Und korrekt ausgesprochen würde er wohl in keiner dieser Varianten.

Hilfestellung geben wir auf Anfrage gern: postatliterabel [dot] de Als erster Einstieg für eine tiefer gehende Beschäftigung mit der Łacinka, sei der entsprechende deutschsprachige Wikipedia-Eintrag empfohlen, ein automatischer Konverter Kyrillisch-Łacinka findet sich hier.